Schule als Plattform - keine Lösung

May 6, 2026 min read

Vor kurzem durfte ich als Referent an einer Veranstaltung mitwirken. Dadurch hatte ich die Chance, einer Keynote zur Idee „Schule als Plattform“ zuzuhören. Referent war Dr. Ekkehard Thümler. Er streut diese Idee bereits seit mehreren Jahren, unter anderem im Format der Weimarer Gespräche, in deren Rahmen auch das Paper „Schule als Plattform? Neue Bauprinzipien für die Schulen der Zukunft“ vorgestellt wurde.

Schule als Plattform

Während ich das Konzept nun schon seit ca. drei Jahren verfolge, habe ich doch zum ersten Mal einen Vortrag von Thümler selbst gehört. Seine Erzählung lautet wie folgt: Schule, wie wir sie heute kennen, ist ein Produkt der Fabrikgesellschaft und orientiert sich daher an den Produktionslogiken von Fabriken. Fabriken seien nach Thümler „closed jobs“. Innerhalb von Fabrikorganisationen sei alles umgesetzt worden, was zur Produktion eines Produktes nötig ist. Das sei nicht mehr zeitgemäß.

Mit der Herausbildung der Informationsgesellschaft ist die Plattformökonomie entstanden. Im Gegensatz zur Fabrik ist diese vernetzt, agil und kann sich schnell anpassen. Fabriken sind eher starr und seien nur in der Lage, standardisierte Produkte anzufertigen (sein Beispiel Model T). Plattformen hingegen bieten die Möglichkeit der schnellen individuellen Anpassung von Produkten. Thümlers zentrales Bild im Vortrag ist der Übergang „from mass standardization to mass customization“.

Er folgert daraus, dass Schule diese Logik übernehmen sollte und man Bildung selbst als Plattformdienst verstehen müsse. Plattformen sind zentrale Orte, an denen Anbieter, alleine oder mit Kooperationspartnern bzw. Subanbietern, Services anbieten, die dann beispielsweise von Lehrkräften, Klassen, Schulleitungen, Einzelschüler:innen etc. genutzt werden, um das „Produkt Bildung“ zu konsumieren.

Thümler spricht explizit davon, dass es einen Bildungsmarkt braucht. Er betont, dass es weiterhin ein Schulgebäude geben wird, das Schüler_innen besuchen, und dass es weiterhin Lehrkräfte geben wird, die mit diesem Ort verknüpft sind, um etwa Basiskompetenzen zu vermitteln. Es wird jedoch auch so sein, dass, wenn mehr Inhalte von externen Anbietern zur Verfügung gestellt werden, Lehrkräfte eher zu Lernbegleitern werden und weniger Inhalte selbst lehren. Es wird weniger klassische Lehrkräfte geben.

Niemand sagt Lehrkräften freundlicher ins Gesicht, dass er der Meinung ist, dass es weniger von ihnen braucht, als Ekkehard Thümler. Thümler beschreibt in seiner Keynote, dass „Schule als Plattform“ kein x-beliebiges Szenario ist, das eintreffen könnte, sondern er behauptet, es sei eine Prognose, die eintreffen wird. Seine Annahme werde bereits durch erste Anzeichen bestätigt, etwa durch die seit kurzem stärkeren Kooperationsstrukturen von Schulen sowie das Konstrukt des Startchancen-Programms.

Ausgewählte Schulen verfügen im Startchancen-Programm über ein Budget, um externe Ressourcen zu engagieren, die darauf einzahlen, dass der Bedarf einer Startchancenschule abgedeckt wird. Thümler sieht darin einen möglichen Modus für Schule als Plattform: Sachkostenmittel, die ausgegeben werden, um Bildungsinhalte als Schule einzukaufen. Das bringe Geschwindigkeit ins System. Logischerweise findet er daher die langsame wissenschaftliche Begleitforschung im Startchancen-Programm unnütz. Schulen wüssten besser, was sie brauchen. Die Keynote dauert ca. 30 Minuten und kommt ohne wissenschaftliche Verweise aus.

An dieser Erzählung Thümlers ist vieles falsch; man könnte sagen, hier wird stärker halluziniert als ChatGPT-3, und sein Vortrag ist ein Zeugnis von Kurzsichtigkeit und Unkenntnis des deutschen Bildungssystems.

First things first: Thümler generalisiert sehr stark – „die Schule“, „die Fabrik“, „die Plattform“. Alles sind generalisierte Entitäten, die einheitlichen Logiken folgen. Das ist jedoch realitätsfern. Jedes Unternehmen, jede Organisation, auch wenn sie Teil größerer Organisationen ist, bildet eigene kulturelle Praxen aus, die eine solche Generalisierung verbieten. Das ist wictig, weil es für das Bildungssystem wichtig ist. Die Schulautonomie etwa ermöglicht es, dass Schulen unterschiedliche Profile und Kulturen herausbilden können.

Das Aufkommen der Schule

Die mangelnde Genauigkeit von Thümler zeigt sich bereits in seiner Grundthese: Schulen seien entlang der Logik von Fabriken enstanden sowie organisiert und damit Ausdruck einer Fabrikgesellschaft. Blickt man auf die Geschichte der Schule, zeigen sich hier jedoch erste Brüche. Philipp Melanchthon gründete 1526 eine der ersten höheren Schulen in Nürnberg und führte bereits 1527 im Auftrag des Kurfürsten Thüringens Schulvisitationen durch. Das setzt voraus, dass es Schulen gibt, die gesteuert werden, und ein Format der Aufsicht existiert. Dass dies kein flächendeckendes Bildungssystem war, ist unbestreitbar. Die Entwicklung geht jedoch stetig weiter. Der Glauchaer Pfarrer August Hermann Francke gründete 1695 eine Armenschule. Die Franckeschen Stiftungen gründeten später weitere Schulen, etwa 1709 eine Mädchenschule. Mit dem ersten, noch mangelhaften, Beschluss zur Einrichtung einer Schulpflicht im Jahr 1717 in Preußen wurde ein flächendeckendes schulisches Bildungswesen initiiert. Jedes Kind sollte fortan verpflichtend zur Schule gehen (dürfen).

Auch diese Schulen waren weit von Perfektion entfernt. Die erste Fabrik in Kontinentaleuropa entstand jedoch erst 1784 in Ratingen. Johann Gottfried Brügelmann baute eine Mühle um und betrieb sie dampfbasiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte das deutsche Schulwesen bereits eine mehrere Jahrhunderte alte Geschichte. Es befand sich zudem in einer Phase der Professionalisierung (1743 wurde das erste Lehrerseminar in Preußen gegründet). Johann Friedrich Herbart hatte bis 1808 seine entscheidenden Werke zur Begründung der Formalstufenlehre verfasst und verband damit pädagogische Ansätze erstmals systematisch mit psychologischen Überlegungen.

Weil sich die Vorstellung dessen was Bildung ist und wie Bilung organisiert werden soll in einer Gesellschaft kontinuierlich weiterentwickelt, hat sich bereits seit anfang der 2000er Jahre die Vorstellung von kommunalen / lokalen / regionalen Bildungslandschaften etabliert. Schulen und Akteure der Jugendhilfe bilden enge Kooperationen, um vor Ort jungen Menschen gute Bildung zu ermöglichen. Durch den Ganztagsausbau hat sich dieses Konzept und die Vorstellung von Schule als ein Ort der Kooperationen deutschlandweit gefestigt. Thümlers Anzeichen für den Beginn der Schule als Plattform ist in Warheit ein Zeichen für eine Haltungsänderung aller Akteure und die Öffnung von Schule, die seit Jahrzehnten stattfindet. Die lokalen Bildungslandschaften sind dabei nur eine der jüngsten Entwicklungen. Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben Schulen Koopperationen gesucht, Europapartnschaften, Partnerschaften für den Übergang Schule-Beruf mit Ausbildungsbetrieben, Kooperationen mit Sportvereinen für geteilte Flächennutzungen etc. etc

Die Annahme, dass „Schule“ sich strukturell an „Fabriken“ orientiert hätten, ergibt bei historischer Betrachtung wenig Sinn. Ebenso wenig plausibel ist Thümlers Darstellung von Fabriken als „closed jobs“, innerhalb derer alles für die Erzeugung eines Produktes geleistet wird. Die Industrialisierung Europas beruhte maßgeblich auf globalen Prozessen, insbesondere auf der Verbindung merkantilistischer Wirtschaftspraxis und kolonialer Ausbeutung.

Von der Fabrik zur Plattform

Europäische Länder waren seit dem 17. Jahrhundert (z. B. durch Ostindien-Kompanien) bemüht, globale Ausbeutungsstrukturen aufzubauen, um Ressourcen günstig zu importieren, zu veredeln und höherwertige Produkte gewinnbringend zu verkaufen. Fabriken haben zudem nie alle Bestandteile eines Produkts selbst hergestellt; vielmehr entwickelte sich das Prinzip der Zulieferketten. Die Hochphase der Industrialisierung ist auch die Expansion solcher Lieferketten (von regionalen Strukturen der frühen Neuzeit hin zu nationalen und globalen Netzwerken).

Die Darstellungen Thümlers zur Fabrik sind historisch nicht haltbar. Doch sind seine Vorstellungen zur Plattformökonomie zutreffend? Auch das ist fraglich. Thümler zeigte während der Keynote eine Abbildung wie eine Plattform schematisch aufgebautist. Im Grunde ist es jedoch eine Abbildung zur Darstellung der Logik klassischer Lieferketten gewesen. Was Plattformen von Prouktionslieferketten tatsächlich unterscheidet, ist vor allem ihre digitale Natur.

Digitale Plattformen sind häufig durch Venture Capital getrieben und zielen darauf ab, marktbeherrschende Stellungen einzunehmen, nur so sind Plattformen zu (re)finanzieren. Es entstehen oft Oligopole oder Monopole. In kritischen Analysen wird dies als „chokepoint capitalism“ bezeichnet: die Etablierung technischer Nadelöhre, über die einzelne Akteure ganze Systeme kontrollieren und Bedingungen diktieren können. Beispiele sind Amazon, Smartphone App-Stores oder Airbnb sowie Microsoft 365.

Ein echter Markt entsteht auf solchen Plattformen häufig nicht. Zwar erkennt Thümler selbst einige Herausforderungen, etwa die große Menge an möglichen qualitativ minderwertigem Content oder den hohen Ressourcenaufwand beim Aufbau von Plattformen. Zentrale Kritikpunkte blendet er jedoch aus. So zeigt sich heute deutlich, dass vor allem Plattformbetreiber von Plattformen profitieren, während negative Effekte auch Menschen betreffen, die gar nicht Teil der Plattform sind. Airbnb treibt Mieten in die Höhe, Uber schwächt Arbeitnehmerrechte, App-Stores verwandeln Nutzer_innen in Datenprodukte. Plattformen schaffen Bequemlichkeit und Vernetzung, führen jedoch nicht zwangsläufig zu höherer Qualität, sondern oft zu deren schleichender Erosion (Amazon-Schrottprodukte, schlechte Software wie Windows etc etc) gesellschaftlicher Errungenschaften.

Für Bildung könnte das bedeuten, dass immer mehr pädagogische Fachkräfte nicht fest angestellt, sondern projektbasiert beschäftigt sind, auch Lehrkräfte. Lernende würden verstärkt mit minderwertigen (AI) Slop konfrontiert. Sorgeberechtigte hätten weniger persönliche Ansprechpartner. Gleichzeitig droht, dass die Daten junger Menschen selbst zum zentralen Produkt werden.

Plattformen sind keine Lösung für die multiplen Krisen im Bildungssystem.

Wir brauchen ein anderes Zielbild

Man fragt sich, was der Bildungshistoriker Elmar Tenorth heute sagen würde. Sein Appell „Lasst die Schulen in Ruhe“ hallt nach. Schulen waren immer lernende Systeme und litten oft unter zu starker externer Steuerung. Sein Plädoyer war klar: Schulen brauchen ausreichende Ressourcen, genügend Lehrkräfte, Material und funktionierende Räume sowie stabile Rahmenbedinungen. Dazu gehört auch die Qualifikation von Lehrkräften, die Bildungsprozesse fachlich fundiert begleiten und eine exzellente Basisbildung ermöglichen. Thenorth betont - schulen haben immer gelitten, wenn das Korsett der Bildungssteuerung zu eng war. Nirgends ist ein Steuerungskorsett enger als bei einer Plattform eines Bildungsinhalteanbieters mit Monopolstellung.

Das schulische Bildungssystem sollte anders gedacht werden. Ein gut ausgestattetes Bildungssystem kann eher wie ein Myzel funktionieren: verzweigt, resilient und lernfähig, weil es gut vernetzt ist und von Veränderungen an vielen Stellen lernen kann. An den richtigen Stellen wachsen funktionierende Schulen als Früchte des Myzels. Ein solches System lebt davon, dass Bildung ein zweckfreier Prozess ist, der lokale (Lern-)Interessen aufgreift und bedienen kann.

Die lokale Vernetzung von Akteuren ist dabei entscheidend. Starke Bildungsgemeinschaften / Bildungslandschaften schaffen Räume für Teilhabe und stärken demokratische Grundhaltungen, ermöglichen kreative und individuelle Lösungen sowie Räume der Begegnung. Vor Ort können aus zugewiesenen Zuständigkeiten echte Verantwortungsgemeinschaften entstehen, etwas, das Plattformmodelle nicht leisten können.